Retourenware und B-Ware einlagern
Retourenware und B-Ware sind im E-Commerce kein Randthema – sie sind fester Bestandteil des Lageralltags. Mit steigenden Retourenquoten, besonders in Fashion, Elektronik und Multichannel-Handel, entscheidet die Qualität der Einlagerung darüber, ob zurückgesandte Artikel erneut verkauft werden, als B-Ware vermarktet oder fachgerecht ausgesondert werden. Wer Retouren wie regulären Wareneingang behandelt, riskiert falsche Bestandsbuchungen, Kundenreklamationen und versteckte Wertverluste.
Dieser Leitfaden erklärt, wie du Retourenware und B-Ware systematisch einlagerst: von der Annahme über die Qualitätsklassifizierung bis zur korrekten Buchung im WMS. Der Fokus liegt auf Prozessen, die im Wareneingang umsetzbar sind – im Eigenlager ebenso wie beim Fulfillment-Partner.
Was sind Retourenware und B-Ware?
Retourenware ist Ware, die ein Endkunde nach dem Kauf zurückgesendet hat. Sie durchläuft denselben physischen Eingang wie Lieferantenware, unterliegt aber anderen Prüfkriterien: Verpackungszustand, Vollständigkeit, Hygiene, Garantiestatus und mögliche Manipulation müssen bewertet werden.
B-Ware (auch B-Stock genannt) ist Ware mit eingeschränkter Verkaufsfähigkeit. Das kann Retourenware sein, die nicht mehr als Neuware gilt, aber noch verkaufbar ist. Es kann aber auch Ausstellungsware, leicht beschädigte Neuware, überzählige Bestände oder Restposten sein. B-Ware wird typischerweise zu reduzierten Preisen über Outlet-Kanäle, Marktplätze oder spezielle B-Ware-Shops verkauft.
Die Abgrenzung ist entscheidend für Buchung, Lagerplatz und Verkaufskanal:
- A-Ware (Neuware): Unbenutzt, originalverpackt, verkaufsfähig ohne Einschränkung
- B-Ware: Funktionsfähig oder optisch leicht beeinträchtigt, mit Kennzeichnung und Preisreduktion
- C-Ware / Ausschuss: Nicht mehr verkaufbar, Entsorgung, Recycling oder Rückgabe an Lieferant
Warum ein separater Einlagerungsprozess nötig ist
Retouren unterscheiden sich fundamental von Lieferantenware. Beim Lieferanten kennst du Charge, Herkunft und Qualitätsstandards. Bei Retouren kennst du oft nur die Rücksendung – nicht den Weg des Artikels beim Kunden, fehlende Teile oder unsichtbare Schäden.
Die wichtigsten Risiken ohne strukturierten Prozess:
- Bestandsverfälschung: Retouren als Neuware gebucht erhöhen den scheinbar verfügbaren Bestand
- Kundenreklamationen: B-Ware ohne Kennzeichnung wird als Neuware versendet
- Hygiene- und Compliance-Probleme: Bei Kosmetik, Lebensmitteln oder Textilien gelten strenge Regeln
- Wertverlust: Fehlende Klassifizierung verhindert gezielten B-Ware-Verkauf
- Inventurabweichungen: Ungeklärte Retourenpositionen führen zu Bestandslücken
Qualitätsklassen und Entscheidungsmatrix
Vor jeder Einlagerung muss klar sein, in welche Qualitätsklasse die Ware fällt. Die Entscheidung bestimmt Lagerzone, Buchungsstatus, Verkaufspreis und erlaubte Versandkanäle.
Die Matrix muss für dein Sortiment konkretisiert werden. Bei Fashion gelten andere Kriterien als bei Elektronik mit Seriennummern oder bei regulierten Produkten wie Kosmetik.
Der Einlagerungsprozess Schritt für Schritt
Ein standardisierter Retouren-Einlagerungsprozess verhindert Fehlbuchungen und sichert die Nachverfolgbarkeit jeder Position. Er baut auf der Wareneingangsprüfung auf, erweitert diese aber um retourenspezifische Schritte.
Prozessfluss: Retourenware und B-Ware einlagern
Schritt 1: Retourenannahme und Zuordnung
Jede eingehende Retoure wird physisch angenommen und im System erfasst. Idealerweise existiert bereits eine Retourenanmeldung mit Bestellnummer, SKU und Retourengrund. Der Mitarbeiter scannt das Retourenlabel oder die Sendungsnummer und ordnet die Ware der ursprünglichen Bestellung zu.
Ohne Systemzuordnung landet die Retoure im Quarantänelager – nicht im Verkaufsbestand.
Schritt 2: Sicht- und Funktionsprüfung
Die Prüfung umfasst mindestens:
- Vollständigkeit (Artikel, Zubehör, Anleitung, Garantiekarte)
- Verpackungszustand (Original, Ersatz, beschädigt)
- Optischer Zustand (Kratzer, Flecken, Gebrauchsspuren)
- Funktionstest bei Elektronik und Geräten
- Hygiene bei Textilien und Kosmetik (falls branchenspezifisch relevant)
Schritt 3: Qualitätsentscheidung dokumentieren
Die Klassifizierung wird im WMS mit Prüfer, Datum und ggf. Fotodokumentation festgehalten. Bei Grenzfällen gilt: Im Zweifel eine Stufe niedriger einstufen – B-Ware statt A-Ware, Ausschuss statt B-Ware.
Schritt 4: Aufbereitung und Etikettierung
B-Ware erhält eine sichtbare Kennzeichnung: B-Ware-Sticker, neuer Barcode oder separate SKU-Variante (z. B. ARTIKEL-B). Originalverpackungen werden bei Bedarf ersetzt. Refurbishment-Artikel durchlaufen definierte Aufbereitungsschritte vor der Freigabe.
Schritt 5: Physische Einlagerung und Buchung
Nach der Klassifizierung folgt Einlagerung und Buchung – mit dem Unterschied, dass B-Ware in separaten Zonen liegt und im WMS einen eigenen Bestandsstatus trägt. A-Ware-Retouren dürfen erst nach expliziter Freigabe in die Standard-Pick-Zone.
Lagerzonen und physische Trennung
Retourenware und B-Ware dürfen physisch nicht mit ungeprüfter Neuware vermischt werden. Empfohlene Zonenstruktur:
- Retouren-Annahmezone: Ungeprüfte Rücksendungen, Status „in Prüfung“
- Quarantäne: Nicht zugeordnete oder strittige Retouren
- B-Ware-Lager: Klassifizierte B-Ware, klar gekennzeichnet
- A-Ware-Freigabe: Nur nach bestandener Vollprüfung
- Entsorgungsbereich: Ausschuss, getrennt vom Verkaufsbestand
Lagerzonen: Standard-Wareneingang vs. Retourenweg
WMS-Buchung und Bestandsführung
Die digitale Abbildung ist genauso wichtig wie die physische Trennung. Im WMS sollten mindestens folgende Bestandsarten existieren:
Eine saubere Bestandsführung trennt diese Bestandsarten strikt. Der Shop darf nur den tatsächlich verfügbaren A-Ware-Bestand anzeigen – B-Ware nur, wenn der Vertriebskanal dafür vorgesehen ist.
-B Suffix), wenn Marktplätze oder ERP-Systeme keine parallelen Bestandsarten unterstützen. So vermeidest du, dass B-Ware versehentlich als Neuware ausgeliefert wird.
Checkliste: Retourenware und B-Ware einlagern
10 Punkte für den operativen Alltag:
- Retoure im System mit Bestellnummer oder Retourenlabel zugeordnet
- Physische Annahme in dedizierter Retourenzone, nicht im Standard-Pick-Bereich
- Vollständigkeits- und Sichtprüfung nach definierter Matrix dokumentiert
- Qualitätsklasse (A, B, Refurbishment, Ausschuss) festgelegt und im WMS gebucht
- B-Ware physisch gekennzeichnet (Sticker, Etikett, separate Verpackung)
- Separate Lagerzone für B-Ware – keine Vermischung mit A-Ware
- Fotodokumentation bei Grenzfällen oder Reklamationsgefahr
- Put-away mit Scan-Bestätigung am Ziel-Lagerplatz
- Bestandssync: Nur freigegebene Mengen im Shop sichtbar
- Regelmäßige Inventur der B-Ware-Zone und Quarantäne-Bestände
KPIs und Steuerung
Retouren-Einlagerung lässt sich messen. Die wichtigsten Kennzahlen:
- Retouren-Durchlaufzeit: Von Anlieferung bis Buchungsentscheidung – Ziel unter 48 Stunden
- A-Ware-Quote: Anteil der Retouren, die als Neuware wiedereingelagert werden
- B-Ware-Quote: Anteil, der als B-Ware vermarktet wird
- Ausschussquote: Anteil nicht mehr verkaufbarer Retouren
- B-Ware-Umschlag: Zeit von Einlagerung bis Verkauf der B-Ware
- Bestandsabweichung Retourenzone: Soll-Ist-Abgleich in Quarantäne und B-Ware
Workflow: B-Ware-Wertschöpfung
Bei nicht verkaufbarer Ware verzweigt der Prozess zur Ausschuss-Entsorgung statt zum Outlet-Verkauf.
Häufige Fehler vermeiden
Fehler 1: Keine physische Trennung
B-Ware liegt im selben Regal wie Neuware. Lösung: Dedizierte Zonen mit Kennzeichnung und WMS-Lagerplatz-Präfix (z. B. BW-).
Fehler 2: Fehlende SKU-Trennung
B-Ware wird unter derselben SKU wie A-Ware geführt. Lösung: Eigene SKU oder Bestandsart im WMS mit kanalbezogener Freigabe.
Fehler 3: Zu optimistische A-Ware-Freigabe
Geöffnete Verpackung wird als Neuware eingestuft. Lösung: Klare Matrix schriftlich fixieren und Mitarbeiter schulen.
Fehler 4: Quarantäne ohne Bearbeitungsfrist
Unzugeordnete Retouren sammeln sich an. Lösung: Tägliche Bearbeitung und Eskalation nach 72 Stunden.
Fehler 5: B-Ware ohne Preisstrategie
B-Ware lagert monatelang. Lösung: Definierte B-Ware-Kanäle, automatische Preisreduktion oder regelmäßige Ausverkaufsaktionen.
Praxisbeispiel: Fashion-Retoure
Ein Online-Händler für Bekleidung erhält eine Rücksendung: Kleid, Originalverpackung geöffnet, Etikett entfernt, keine Flecken oder Schäden. Nach Prüfung: Klassifizierung als B-Ware leicht. Buchung unter SKU KLEID-123-B, Einlagerung in Zone BW-R01, Listing im Outlet-Shop zu 30 Prozent Reduktion. Die Einlagerung und Buchung erfolgt mit separatem Scan – der Primärbestand KLEID-123 bleibt unverändert.
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Letzte Aktualisierung: 6. Juli 2026