Break-even-Analyse

Die Entscheidung zwischen eigenem Lager und einem Fulfillment-Dienstleister ist eine der wichtigsten strategischen Weichenstellungen im E-Commerce. Eine fundierte Break-even-Analyse liefert die objektive Grundlage, ab welchem Bestellvolumen sich ein Eigenlager wirtschaftlich rechnet – und wann Outsourcing die bessere Wahl bleibt. Ohne diese Kalkulation riskieren Händler, zu früh in teure Infrastruktur zu investieren oder unnötig hohe 3PL-Gebühren über Jahre zu zahlen.

Was ist eine Break-even-Analyse im Fulfillment-Kontext?

Die Break-even-Analyse (Gewinnschwellenanalyse) ermittelt den Punkt, an dem die Gesamtkosten von zwei Alternativen gleich hoch sind. Im Fulfillment-Bereich vergleicht man typischerweise:

  • Eigenlager (Inhouse): Hohe Fixkosten, niedrigere variable Kosten pro Bestellung
  • 3PL / Fulfillment-Dienstleister: Niedrige Fixkosten, höhere variable Kosten pro Bestellung

Oberhalb des Break-even-Punktes ist das Eigenlager günstiger. Darunter lohnt sich Outsourcing. Die Analyse ersetzt keine strategische Entscheidung, schafft aber Transparenz über die wirtschaftliche Schwelle.

Wichtig: Der Break-even-Punkt ist kein statischer Wert. Er verschiebt sich mit Mietpreisen, Personalkosten, Versandtarifen und Bestellstruktur. Eine jährliche Neuberechnung ist Pflicht.

Die Grundformel

Die zentrale Formel lautet:

Break-even-Menge = Fixkostendifferenz ÷ variable Kostendifferenz pro Bestellung

Konkret:

Break-even (Bestellungen/Monat) = (Fixkosten Eigenlager − Fixkosten 3PL) ÷ (Variable Kosten 3PL pro Bestellung − Variable Kosten Eigenlager pro Bestellung)

Fixkosten im Eigenlager

Fixkosten fallen unabhängig vom Bestellvolumen an. Dazu gehören:

  1. Lagermiete und Nebenkosten
  2. Grundgehalt Lagerpersonal (Vollzeitäquivalente)
  3. WMS-Software und IT-Infrastruktur
  4. Abschreibungen auf Regale, Packtische und Equipment
  5. Versicherungen und Betriebskosten
  6. Anteilige Verwaltungskosten

Variable Kosten pro Bestellung

Variable Kosten steigen mit jedem zusätzlichen Auftrag. Beim Eigenlager umfassen sie:

  1. Verpackungsmaterial pro Sendung
  2. Versandkosten (Carrier-Tarife)
  3. Anteilige Lohnkosten für Pick, Pack und Versand
  4. Retourenbearbeitung (quotenbasiert)
  5. Etiketten, Beilagen und Verbrauchsmaterial

Beim 3PL-Anbieter werden Fix- und variable Kosten oft in einem Pauschalpreis pro Bestellung oder pro SKU zusammengefasst – die Trennung erfordert eine detaillierte Angebotsanalyse.

Kostenvergleich: Eigenlager vs. 3PL

Kostenart
Eigenlager (Inhouse)
3PL / Fulfillment-Dienstleister
Lagermiete
Fix, monatlich (hoch)
Im Preis pro Bestellung enthalten
Personal
Fix + variabler Anteil pro Auftrag
Im Fulfillment-Tarif enthalten
WMS / Software
Fix (Lizenz + Wartung)
Oft im 3PL-Preis inkludiert
Verpackung
Variabel pro Bestellung
Variabel (Aufschlag möglich)
Versand
Variabel (eigene Carrier-Verträge)
Variabel (3PL-Tarife oder Durchreichung)
Investitionen (Regale, Scanner)
Einmalig + Abschreibung
Keine Investition nötig
Skalierung bei Peak
Zusatzpersonal, Überstunden
Flexibel, oft ohne Aufpreis
Kostenstruktur Eigenlager vs. 3PL: Beim Eigenlager dominieren Fixkosten (ca. 60–70 % der Gesamtkosten bei 500 Bestellungen/Monat), beim 3PL liegt der Fixkostenanteil bei 10–15 %, dafür ist der variable Anteil höher. Die Gesamtkostenlinien schneiden sich typischerweise bei ca. 1.200 Bestellungen pro Monat – der konkrete Break-even hängt von deinen Annahmen ab.

Praxisbeispiel: Online-Shop mit 800 Bestellungen pro Monat

Ein mittelgroßer E-Commerce-Händler mit durchschnittlich 3,2 Artikeln pro Bestellung und 12 % Retourenquote kalkuliert folgendermaßen:

Annahmen Eigenlager

Position
Betrag (monatlich)
Typ
Lagermiete (400 m²)
4.800 EUR
Fix
2 Vollzeit-Mitarbeiter Lager
7.200 EUR
Fix
WMS + Versandsoftware
450 EUR
Fix
Abschreibung Equipment
350 EUR
Fix
Verpackung + Versand pro Bestellung
4,20 EUR
Variabel
Variable Personalkosten pro Bestellung
1,80 EUR
Variabel

Fixkosten Eigenlager gesamt: 12.800 EUR/Monat
Variable Kosten Eigenlager: 6,00 EUR/Bestellung

Annahmen 3PL

Position
Betrag
Typ
Grundgebühr (Software, Anbindung)
299 EUR/Monat
Fix
Lagerung pro SKU/Monat
0,45 EUR (200 SKUs = 90 EUR)
Fix
Fulfillment pro Bestellung (Pick, Pack, Versand)
8,50 EUR
Variabel
Retourenbearbeitung
3,20 EUR pro Retoure
Variabel

Fixkosten 3PL gesamt: 389 EUR/Monat
Variable Kosten 3PL: ca. 8,88 EUR/Bestellung (inkl. Retourenanteil)

Break-even-Berechnung

Fixkostendifferenz = 12.800 − 389 = 12.411 EUR

Variable Kostendifferenz = 8,88 − 6,00 = 2,88 EUR/Bestellung

Break-even = 12.411 ÷ 2,88 = 4.309 Bestellungen/Monat

Bei 800 Bestellungen pro Monat liegt der Händler weit unter dem Break-even. Das 3PL-Modell ist in diesem Szenario deutlich günstiger. Erst ab rund 4.300 Bestellungen monatlich würde sich das Eigenlager rechnen.

Break-even im Beispiel: Bei 800 Bestellungen/Monat: Eigenlager ca. 17.600 EUR, 3PL ca. 7.493 EUR – Differenz über 10.000 EUR monatlich zugunsten des 3PL.

Schritt-für-Schritt: So führst du die Analyse durch

1
Ist-Daten erfassen
2
Fixkosten trennen
3
Variable Kosten pro Bestellung
4
3PL-Angebot einholen
5
Break-even berechnen
6
Szenarien prüfen

Schritt 1: Ist-Daten der letzten 12 Monate erfassen

Sammle reale Zahlen aus Buchhaltung, WMS und Versandsoftware. Keine Schätzwerte – die Genauigkeit der Analyse hängt direkt von der Datenqualität ab.

Schritt 2: Fix- und variable Kosten sauber trennen

Nicht jede Position ist eindeutig. Beispiel: Ein Lagerist arbeitet 60 % in der Kommissionierung (variabel) und 40 % in der Inventur (fix). Teile solche Mischkosten anteilig auf.

Schritt 3: 3PL-Angebote strukturiert vergleichen

Fordere mindestens drei Angebote an und zerlege sie in Fix- und variable Komponenten. Achte auf versteckte Kosten: Wareneingang, Retouren, Peak-Zuschläge, Mindestabnahmen.

Schritt 4: Break-even berechnen und dokumentieren

Nutze die Formel und halte alle Annahmen schriftlich fest. So kannst du die Analyse bei veränderten Rahmenbedingungen schnell aktualisieren.

Schritt 5: Sensitivitätsanalyse durchführen

Was passiert bei ±20 % Bestellvolumen? Bei Mietsteigerung? Bei Personalmangel und Überstunden? Erstelle mindestens drei Szenarien: pessimistisch, realistisch, optimistisch.

Schritt 6: Nicht-monetäre Faktoren einbeziehen

Die Break-even-Analyse bildet nur Kosten ab. Kontrolle über Qualität, Markenimage beim Unboxing, Flexibilität bei Sonderaktionen und Datenhoheit sind strategische Faktoren, die in die Gesamtentscheidung gehören.

Welche Daten du brauchst

Checkliste: Daten für die Break-even-Analyse

  • Monatliche Lagermiete und Nebenkosten der letzten 12 Monate
  • Personalkosten Lager (inkl. Arbeitgeberanteile)
  • Softwarekosten (WMS, Versandsoftware, ERP)
  • Durchschnittliche Bestellungen pro Monat (Min, Max, Median)
  • Durchschnittliche Artikel pro Bestellung
  • Verpackungskosten pro Sendung (Material + Arbeitszeit)
  • Versandkosten pro Sendung (nach Carrier und Zone)
  • Retourenquote und Retourenbearbeitungskosten
  • Investitionskosten und geplante Abschreibungsdauer
  • Mindestens ein detailliertes 3PL-Angebot mit Preisaufstellung
Tipp: Nutze die letzten 12 Monate als Basis, nicht nur den letzten Monat. Saisonschwankungen verfälschen Einzelmonate erheblich – besonders im E-Commerce vor Weihnachten und nach dem Sommer-Sale.

Häufige Fehler bei der Break-even-Kalkulation

  1. Nur den 3PL-Pauschalpreis vergleichen: Viele Anbieter nennen „ab X EUR pro Bestellung“. Ohne Aufschlüsselung in Fix und variabel ist kein valider Vergleich möglich.
  2. Personalkosten unterschätzen: Neben dem Bruttogehalt kommen Sozialabgaben, Fortbildung, Krankheitsausfälle und Personalgewinnung hinzu. Kalkuliere mindestens 25–30 % Aufschlag auf den reinen Lohn.
  3. Investitionen vergessen: Regalsysteme, Packtische, Scanner und Hubwagen sind keine laufenden Kosten, müssen aber über die Abschreibungsdauer in die Fixkosten einfließen.
  4. Peak-Saisons ignorieren: Ein Eigenlager, das im Durchschnitt funktioniert, kann in der Weihnachtssaison mit Überstunden und temporärem Personal deutlich teurer werden.
  5. Wachstum nicht einplanen: Der Break-even verschiebt sich nach unten, wenn Fixkosten durch Skaleneffekte sinken – aber auch nach oben, wenn vorzeitig zu groß investiert wird.
Ein positiver Break-even auf dem Papier bedeutet nicht automatisch, dass Eigenlager die richtige Wahl ist. Hohe Anfangsinvestitionen, lange Vertragslaufzeiten und fehlendes Logistik-Know-how können das Risiko übersteigen.

Szenarien und Wachstum berücksichtigen

Gesamtkostenverlauf: Die 3PL-Kostenlinie steigt mit dem Bestellvolumen steiler, startet aber niedriger. Die Eigenlager-Linie verläuft flacher, beginnt aber mit hohen Fixkosten. Der Schnittpunkt markiert den Break-even – typisch zwischen 0 und 6.000 Bestellungen pro Monat, abhängig von deinen Annahmen.

Wachstumsszenario planen

Wenn dein Shop jährlich 30 % wächst, rechne den Break-even nicht nur für heute, sondern für die kommenden 18–24 Monate. Vielleicht erreichst du die Gewinnschwelle schneller als gedacht – oder ein Hybrid-Modell (kleines Eigenlager + 3PL-Overflow) ist die intelligentere Zwischenlösung.

Hybrid-Modelle einbeziehen

Nicht immer muss die Entscheidung binär sein. Viele Händler lagern Standardartikel im Eigenlager und geben Sperrgut, internationale Sendungen oder Peak-Overflow an einen 3PL-Partner. Die Break-even-Analyse lässt sich um eine dritte Kostenlinie erweitern.

Wann die Break-even-Analyse nicht ausreicht

Die Kalkulation beantwortet die Frage „Ab wann ist es günstiger?“ – nicht „Soll ich es tun?“. Weitere Faktoren:

  • Kapitalbindung: Kannst du 50.000–200.000 EUR in Lagerinfrastruktur investieren?
  • Kerngeschäft: Ist Logistik dein Wettbewerbsvorteil oder Ablenkung vom Produkt?
  • Geografie: Liegt dein Lager optimal zu Kunden und Lieferanten?
  • Compliance: Brauchst du spezielle Lizenzen (Lebensmittel, Gefahrgut)?

Für eine ganzheitliche Bewertung kombiniere die Break-even-Analyse mit der Vor- und Nachteile-Analyse und der Frage Wann lohnt sich Eigenlager.

Tools und Vorlagen

Für die Berechnung eignen sich:

  1. Excel oder Google Sheets mit getrennten Tabellen für Fix- und variable Kosten
  2. Fulfillment-Kalkulatoren einzelner 3PL-Anbieter (als Vergleichsgrundlage, nicht als alleinige Quelle)
  3. ERP-/WMS-Reports für reale Kosten pro Bestellung und pro SKU

Die detaillierte Gegenüberstellung von Eigenlager und 3PL findest du auch im Artikel Break-even Eigenlager vs. 3PL. Grundlagen zum Modellvergleich liefert Inhouse vs. Outsourcing.

Start
Break-even berechnet
?
Ist Volumen über Break-even? → Ja: Strategische Faktoren prüfen → Kapital vorhanden? → Ja: Eigenlager planen / Nein: Finanzierung oder 3PL
?
Ist Volumen unter Break-even? → 3PL oder Hybrid prüfen

Fazit

Die Break-even-Analyse ist das mathematische Rückgrat jeder Eigenlager-Entscheidung. Sie zeigt transparent, ab welchem Bestellvolumen sich die Investition in eigene Logistik-Infrastruktur amortisiert. Entscheidend sind vollständige Daten, saubere Trennung von Fix- und variablen Kosten sowie realistische 3PL-Angebote. Kombiniere die Kalkulation mit strategischen Überlegungen zu Wachstum, Kapital und Kerngeschäft – und aktualisiere die Analyse mindestens einmal jährlich oder bei signifikanten Veränderungen von Miete, Personal oder Bestellvolumen.

Für die Kostenseite des Standorts lohnt ein Blick auf Miete und Betriebskosten – ein zentraler Hebel, der den Break-even-Punkt erheblich verschieben kann.

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Letzte Aktualisierung: 6. Juli 2026